KULTURHISTORISCHES ERBE - Die Mittelalterliche Stadt Tscherwen
Von allen Höhen des Steiltales offnet sich der Blick zu bezaubernden Aussichten. Die endlos erscheinenden Windungen des Flußchens, die schattigen Wälder, die unnahbaren Felswände, die altehrwurdigen Ruinen der ehemaligen Trutzburgen und vergangener menschlicher Siedlungen schaffen eine ganz besondere Atmosphäre. Zu den bleibenden Eindrücken gehort der Blick von der Strasse nach Tscherwen auf die Ruinen der mittelalterlichen Stadt. Eine der peitschenartigen Windungen des Tscherni Lom umschlingt einen Felskamm. Dort stehen als unverbrüchliche Zeugen einer ruhmreichen Vergangenheit die Ruinen von Befestigungen, Kirchen, Wohnbauten und Werkstätten. Hier lag wahrend der Epoche des 2. Bulgarischen Königreiches (12. bis 14. Jh.) die befestigte Stadt Tscherwen, damals eines der wichtigsten militärischen, administrativen, wirtschaftlichen, kirchlichen und kulturellen Zentren des Landes.
Die Stadt entstand an der Stelle einer frühbyzantinischen Festung unbekannten Namens, welche den höchsten Teil des Kammes einnahm. Ihr Bestehen war zeitlich zwar begrenzt, doch wurde sie immer wieder aufgebaut. Die günstige Lage zog immer mehr Ansiedler an. Zu Ende des 12. Jhs bestand hier schon eine bedeutende Siedlung. Sie wuchs an und verwandelte sich bald in eine starke Festung.
|
|
Panoramaansicht der Zitadelle -
Luftbild
|
|
|---|---|---|
Foto: Alexander Iwanov |
Tscherwen zeigt alle typischen Merkmale der mittelalterlichen bulgarischen Städte. Die Innenstadt war auf dem Kamm erbaut, wobei die Zitadelle die höchste Stellung einnahm. Die Aussenstadt nahm die tieferen Lagen ein. Die Innenstadt war stark befestigt. Die hohen Mauern waren von Türmen gekrönt. Einer ist glücklicherweise erhalten und stellt heute das „Logo“ der Mittelalterlichen Stadt dar. In der Zitadelle stand natürlich auch der Palast des Feudalherrschers (Bojaren), „eine Festung in der Festung“. Zwei Wasserversorgungsanlagen, auf der Nord- und der Südseite sind erhalten und ausgegraben.
Tscherwen hatte nicht nur eine wichtige militärische Funktion (sie schützte die Zarenstadt Tirnowo von Norden her), sondern war auch ein bedeutendes wirtschaftliches Zentrum. Unter den Handwerken hatten Eisengewinnung und –Verarbeitung, Goldschmieden, Herstellung von keramischen Erzeugnissen (sogen. Sgrafitto-Keramik) einen besonderen Stellenwert. Der Nah- und Fernhandel blühte. Die seit 1960 systematisch betriebenen Ausgrabungen haben beredte Zeugisse dieses wirtschaftlichen Aufschwungs zutage gefordert in Form von bedeutenden Münzfunden. Während der ersten Hälfte des 13. Jhs. wurde Tscherwen als Bischofssitz gekürt. Nur 4 Namen der Inhaber dieses Amtes haben die Wirrnisse der Zeiten überdauert und sind uns überliefert: Neophyt, Kalinik, Zacharias und Paulus. Das Bischofstum von Tscherwen zählte zu den einflussreichsten des Landes. Die vielen Kirchen, von denen bisher 13 ausgegraben sind, legen Zeugnis ab von der bedeutenden Rolle der Stadt im Kirchenwesen. Die zwei Bischofskirchen sind am grössten und stattlichsten.
Bei der Eroberung Bulgariens durch die Türken fiel auch Tscherwen im Jahre 1388. Dabei wurde die Stadt zerstört und eingeäschert. Trotzdem behielt sie ihre Funktionen in den folgenden Zeiten. Doch allmählich verfiel sie und im 17. Jh. verliess die Bevölkerung endgültig die alten Wohnstätten auf dem Felskamm. So verblieb die Mittelalterliche Stadt als Wahrzeichen, welches das Nationale Bewusstsein der Bulgaren hier wachhielt.



